Annäherung an New York City

 

Erste Schritte

Wie nähert man sich einer Stadt an, zu der man keinerlei intellektuellen Zugang hat, weil schon während der Anreise klar ist, sie wird einen umhauen, überfordern und einfach platt machen? Infrastrukturell gesehen tut man das von Europa aus zunächst einmal mit dem Flugzeug, danach dann, ab JFK,

  • mit dem Shuttle-Bus (Airporter für etwa 17 US$/pax nach Grand Central und Penn State),
  • dem Taxi – die „Yellow Cabs“ verrechnen eine „Flatrate“ zwischen JFK und Manhattan, die bei 60 US$ liegt oder
  • mit dem „Airtrain“, der an jedem JKF-Terminal hält und abfährt und Reisende für 5 US$ bis „Jamaica-Station“ bringt. Tickets gibt es am Zugang zum Airtrain an „Automaten“, wo freundliche Mitarbeiter gerne behilflich sind. Ab „Jamaica Station“ umsteigen in den „E-Train“, davor aber Metro-Ticket kaufen oder sich gleich eine mehrtägige Metro-Card zulegen. Der „E-Train“ fährt über Midtown bis zur Endstation (World Trade Center). Ist man schließlich in Manhattan drin, kann man die örtliche Annäherung selbstverständlich per Metro fortsetzen.
  • Oder: von oben. Das Empire State Building bietet von der Aussichtsplattform im 86. Stock einen atemberaubenden Blick über die Stadt.
  • Für weitere Details dieser ersten, lokalen Annäherung – gemeint sind die Sehenswürdigkeiten New York Cities – gibt es dann noch die gute alte Stadtrundfahrt, die auch wir als erste Aktivität für Tag eins wählen.

Die Plörre von Bier, die ich mir dazu genehmige,
ist dagegen wirklich nur etwas für geschmacksgestörte Optimisten.

Nachdem wir noch an unserem ersten Abend auf dem Weg ins Hotel mit Sack, Pack und Rollkoffer mitten in eine absolut gerechtfertigte Anti-Trump-Demo geraten sind, bei der Parolen wie „Racist“ oder „Trump is a curse“ mit Inbrunst skandiert wurden, schaffen wir es nach dem Check-In noch gerade so ins „Chipotle“ um die Ecke, wo es mexikanisches Fast-Food gibt, das ganz ok schmeckt. Die Plörre von Bier, die ich mir dazu genehmige, ist dagegen wirklich nur etwas für geschmacksgestörte Optimisten, die halt einfach alles toll finden, egal wo sie sind, und möglicherweise aus einem falschen Anflug aufrichtiger, gut gemeinter Freundlichkeit, dieses nach dünnem Wasser schmeckende Nichts von Gesöff, das in den USA aber „Beer“ heißt, nur mit schmerzverzerrtem Gesicht ertragen können, dabei aber immer noch freundlich dreinblicken – also so Leute wie … Trump eventuell? Deshalb wird amerikanisches Bier auch immer so „über-kalt“ serviert. Damit sich vor lauter Kälte die nicht vorhandenen oder minderwertigen Geschmacksstoffe eben nicht entwickeln können, die ja, z. B. im Brooklyn Lager, ohne Zweifel sowieso nur eine Nebenrolle spielen. Mich darüber jetzt aber aufzuregen, dafür bin ich viel zu müde.

Millionen von Klimaanlagen erzeugen ein unglaubliches Grundrauschen

Die Nacht ist … laut, der Ausblick aus unserem Minizimmer hat aber was. Es befindet sich im 14. Stock und vor uns breitet sich ein Wald aus Hochhäusern aus, von denen eines das nächste überragt. Es ist der Wahnsinn mit sechs Nullen. Polizei-, Krankenwagen- und Feuerwehrsirenen spielen zu dieser grandiosen Kulisse ihre monotonen Sinfonien. Manchmal solo, manchmal auch im Orchester. Und wenn es mal ruhig ist, dann bleibt immer noch dieses unglaubliche Grundrauschen der Millionen von Klimanlagen – und zwar so hartnäckig, dass es sich selbst mit Ohropax nicht abstellen lässt. Gott sei Dank werden wir die nächsten Tage abends so kaputt sein, dass uns, kaum im Bett liegend, punktgenau und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk die Augen einfach wehrlos zufallen.

Solidarität – in den USA ein Planet, der JWW ist: „janz weit wech“.

Nach einem Frühstück im „Cafe Oxford“ an der Lexington Ave., Ecke 53. Str. kaufen wir uns eine 7-Tage-Metro-Card, denn „ohne“ geht’s überhaupt nicht. Und, die Metro ist der mit Abstand günstigste Weg sich durch diesen Moloch zu bewegen. Die New Yorker mögen das, wenn man als Tourist Metro fährt – und dafür ein Ticket kauft. Denn: New York City’s Einwohner bezahlen und unterhalten „ihre“ Metro quasi selbst. Finanziert wird die U-Bahn nämlich über Steuergelder. Steuern zu bezahlen, findet der wohlhabende Amerikaner generell ja jetzt nicht so gut, habe ich gelernt. Viele auch deshalb nicht, wenn man damit so sinnlose Dinge wie eine medizinische Grundversorgung für die Allgemeinheit auf die Beine stellen will, um damit eben ein Mindestmaß an ärztlicher Betreuung für jene zu gewährleisten, die am unteren Ende der Gesellschaft ums Überleben kämpfen – und eben keine Steuern zahlen können, weil die ja nicht haben wovon. Eine kleine, aber wichtige Nebensächlichkeit: Es handelt sich dabei um die Mehrheit der Menschen. Gerade New York, im Grund aber die gesamten USA hätten das bitter nötig.

Fakt ist: Um den „Patient Protection and Affordable Care Act“, also die gesetzliche Krankenversicherung, bekannt unter dem Namen „Obamacare“, wurde ein erbitterter Kampf zwischen dem Präsidenten und den Republikanern geführt, der sogar bis vor den Supreme Court, den Obersten Gerichtshof getragen wurde. Endergebnis: Nach hartem Kampf gab es einen Sieg für Obama. Das Verfahren hat allerdings gezeigt: Die Reichen, die den Großteil an Grund, Eigentum und Kapital unter sich vereinen, wollen nicht für die “Armen“ zahlen. Ein Schlag ins Gesicht der Bedürftigen. Solidarität? Das ist in den USA ein Planet, der JWW ist: „janz weit wech“. So ist das in „God‘s own Country“. Für einen Europäer ist dieser Mangel an Bereitschaft, zu einer sozialer Abfederung beizutragen, ungewohnt, um es mal harmlos auszudrücken – auch wenn die selbst dort längst bröckelt. Aber Obama hat sich durchgesetzt und bleibt deshalb für mich „der“ Präsident der USA. Was er dafür allerdings opfern musste, man weiß es nicht. Aber auch diese Politik wird ihn eine Menge Zugeständnisse in anderen Themenfeldern gekostet haben.

Solidarität sieht anders aus ...

Der an den bereitwillig über Steuergelder finanzierten Automaten voll durchautomatisierte Erwerbsprozess der sogenannten „MetroCard“ geht jedenfalls erfreulich einfach. Keine Panik, auch für New-York-Unerfahrene Städteurlauber, wie wir ja auch, gibt es auf Youtube Erklär-Videos. Sie bereiten diesbezüglich traumatisierte Zielgruppen auf den maschinellen Ticketkauf vor und zeigen, wie es geht. Positive Ersterlebnisse sind schließlich wichtig – auch für uns, unsere Stimmung, und ich glaube selbst für diese Stadt haben sie eine therapeutische Wirkung. „Good Job!“

Das Querformat wurde sicher nicht in New York erfunden

Motiviert und neugierig machen wir uns auf zum Grand Central, dem Hauptbahnhof New York Citys. Dass sich dort, in unmittelbarer Nachbarschaft, auch der Times Square, die berühmte 42nd Street und der Broadway befinden, trifft uns, obwohl wir es ja irgendwie wussten, völlig unvorbereitet. Wir haben zwar auf die Karte geschaut, dass es gleich an unserem ersten Halt derart geballt kommt … wir hatten ja keine Ahnung. Wir knipsen um die Wette. Eine Hochformat-Orgie, weil quer, also Panorama, das wurde sicher nicht in New York erfunden. So bunt, so abgefahren, so schrill alles hier.

Gut. Stadtrundfahrt. Downtown. Im „Big Bus“. Die Tour ist in unserem 7-Tage-New-York Pass drin, den wir uns für schlappe 271 US$ (oder waren es EURO? Egal.) pro Nase geleistet haben. Zuerst haben wir uns über den stolzen Preis gewundert. Wenn man sich aber erstmal einen Überblick über die Preisstrukturen in New York verschafft hat, versteht man, wieso der New York Pass so viel kostet wie ein Flug von Nürnberg nach Mallorca und retour. Keine Frage: New York ist teuer. Bier 8 US$, essen im Pub mit ein bis zwei Bierchen pro Nase, für zwei Personen ungefähr so 50 US$. Ist so. Muss man so hinnehmen.

“New York Pass” ist teuer, aber ok.

Aber: Im New York Pass sind so gut wie alle Eintrittsgelder für Sehenswürdigkeiten, Stadtrundfahrten, Bootsfahrten, Museen, Touren, ja sogar für ausgewählte Fahrradverleihe und vieles, vieles mehr enthalten, lesen wir im mitgelieferten Büchlein. Das ist sehr ok. An vielen Sehenswürdigkeiten wird man als New York Pass-Besitzer nämlich besonders zuvorkommend behandelt, will heißen, für New-York-Pass-Holder gibt es oft so etwas wie einen VIP-Schalter. Dort ist die Schlange nicht ganz so lang. Oder man wird sogar vorgelassen! Das ist geradezu sensationell in dieser Ellenbogen-Stadt, hat aber selbstverständlich auch seinen Preis – 271 US$ eben.

Klingt alles sehr verlockend und soll eine Illusion der Nähe erzeugen, nur um den Eindruck zu erwecken, dass wir jetzt auch Teil dieser elitären Gemeinschaft “New York” sind.

Im Doppeldeckerbus sitzen wir oben, genießen das schöne Wetter und saugen die kriminalisch gutaussehende Architektur der erdrückend schönen Häuserschluchten in uns auf. Downtown, Financial Dirstrict, Chealsea, Meatpacking District, Greenwich, Soho, Noho, 5th Avenue, Broadway und „Here lives Leo DiCaprio“, „This is where Julia Roberts owns an apartment“, bis hin zu „Robert DeNiro is among the residents of this quarter“ oder “Whenever she is in New York, Hillary Clinton lives here”. Klingt alles sehr verlockend und soll eine Illusion der Nähe erzeugen, nur um den Eindruck zu erwecken, dass wir jetzt auch Teil dieser elitären Gemeinschaft “New York” sind. Ein emotional positiv aufgeladener Moment! Zumindest kurz. In unserem Fall: eine Woche. Die vergeht selbstverständlich wie im Flug. Tatsächlich bleibt einem irgendwie der Atem weg. Ich ertappe mich dabei, wie ich nach Luft schnappe. Sauerstoffmangel – da setzt schon mal vor lauter Begeisterung sprichwörtlich das Bewusstsein aus … und zack, schon wieder 16 Dollar für zwei Getränke weg. Den Sonnenbrand im Gesicht gibt’s dagegen umsonst.

Und was soll man auch sonst sagen, wenn einen diese unvorstellbaren Menschenmassen, die von unvorstellbaren großen Skyscrapern zombiehaft aufgefressen werden, und wie ein lawinenartiger Strom aus ihnen herauskommen, dann auf irgendwelchen Treppen oder in Parks sitzen, die nur deshalb so heißen, weil irgendjemand ein paar jämmerliche Bäume in ein Loch im Beton gepflanzt hat, wenn einen diese Menschenmassen … ja … beinahe ersticken und für eine hypertone Schnappatmung sorgen, weil man den ganzen Mist intellektuell einfach nicht packt? Ich muss das hier erst mal mit mir selbst „managen“. Erst dann kann ich auch an „Julia“, „Bob“, „Leo“ und „Hil“ denken. Musik hilft da:

„Too much, to many people, to much ha-ha-ha-ha ha-ha“

„New York is geil“, sagte eine alte Schulfreundin zu mir, als sie erfuhr, dass wir hinfahren. Ja. Ok. Gut. Und? Nichts. Noch Wochen nach unserer Rückreise sitze ich hier am Schreibtisch uns sage in einem Anflug von Fassungslosigkeit vor mich hin: „Jetzt warn wir in New York …ts …“ Ich glaube ja, um in New York ohne jeden Dachschaden zu überleben, ist eine gewisse emotionale Distanz nötig. Deshalb ist diese Stadt auch das Mekka für Banker, Broker und Anwälte, die sich einfach von Kursen und Gesetzbüchern sagen lassen, was zu tun ist. “Keep it simple” eben. An der New York Stock Exchange in der Wall Street und dort drum herum arbeiten beispielsweise nur „ferngesteuerte, hohle Körper“, die Seele und Gewissen morgens an der Tür zum Büro abgeben, mit dem Denken aufhören und nur auf äußere Impulse reagieren – sagte nicht ich, sondern unser Tourguide – Robert, George oder Chris? – auf der Bootstour. Deren erstes Ziel, das ist nichts Neues, lautet: Uni-Kredit möglichst schnell zurückzahlen, danach viel Geld verdienen und möglichst nicht dort landen, wo viele ihrer Kollegen nach dem großen Crash gelandet sind: auf der Straße. Aber New York besteht ja nicht nur aus diesen Berufsgruppen. Wir hätten da noch Kellner, Bedienungen, Barmänner, Chipotle-Mitarbeiter, Taco Bell-Servierer, McDonald’s-Burgerbrater, Starbucks-Kaffeemacher, Turnschuh-Verkäufer, Klamotten-Verkäufer, begnadete Straßenmusiker ohne echtes Einkommen, unfassbar gute Basketballer, die offiziell „zero, nada, niente Dollares“ verdienen, aber mit Streetball auf den Spielfeldern des Rucker Parks, des Dyckman Parks oder den West 4th Street Courts ein paar Dollars machen und viele andere mehr. Und dann erst kommen die Armen und Halbtoten, wenn ich das so sagen darf, die hie und da einfach so auf der Straße liegen. Auch das ist New York, denke ich mir, während wir die Madison Ave. hinunterbummeln, die ich als Fan der Serie “Mad Men” einfach einmal betreten musste. Es ist krass. Diese Gegensätze! Emotionale Distanz? New York so zu nehmen wie es halt ist, dazu bin ich nicht in der Lage.

Aus dem Korb an der Straßenecke versuchen lebendige Krebse herauszukrabbeln.
Sie wissen wohl, dass ihr Stündchen geschlagen hat.

Abends sind wir in China Town. Endlich mal keine Hochhäuser. Dafür umso mehr Asiaten. Wirklich schön, dass man hier noch Platz und Zeit findet – für einen Fischmarkt zum Beispiel. Aus dem Korb an der Straßenecke versuchen lebendige Krebse herauszukrabbeln. Sie wissen wohl, dass ihr Stündchen geschlagen hat und sie bald in irgendwelchen Schlünden reicher Wall-Street-Millionäre, die zwar einen Porsche besitzen, aber zu doof sind, ihn richtig zu fahren, landen, bevor sie allerdings einen Crash-Kurs im Schalentiere essen absolviert haben. Denn es scheint unter den us-amerikanischen Staatsbürgern keineswegs Gang und Gebe zu sein, ganze Fische und Meeres-Krabbelgetier, also mit Gräten und Schalen, zu essen und das Fleisch selbt davon zu lösen. Man bevorzugt stets Filet oder das herausgelöste Fleisch, denn die Menschen hier mögen Fische und Schalentiere, die beim Essen keine Probleme machen. Mir haben zwei amerikanische Freunde mal ehrfürchtig dabei zugeschaut, wie ich eine Forelle Müllerin Art zerlegt habe. Da ging – ohne Scheiß jetzt – ein Raunen durchs Restaurant.
Der chinesische Fischhändler und wir, wir verständigen uns jedenfalls ganz unaufgeregt mit Händen und Füßen, können dem Mann aber nicht klarmachen, dass wir zwar gerne Krebse und Fische kaufen würden, wir das alles aber nicht zubereiten können, weil wir nicht von hier sind, im Hotel wohnen und momentan gerade nicht über eine Küche verfügen. Angesichts dessen, dass der Fischverkäufer – bis auf die linguistische Grundausstattung  „How are you?“ und „Fine!“ – kein Englisch spricht und wir nun mal leider nicht in Mandarin oder irgendeinem anderen der chinesischen Dialekte kompetent sind, funktioniert die Verständigung erstaunlich gut. Ich hatte jedenfalls den Eindruck.

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