Minderheitenschutz?

 

Minderheitenschutz am Basketballcourt?

Ortswechsel. Basketballcourt. Hier regieren die Schwarzen. Es ist ihr Königreich. Wenn man sie spielen sieht, weiß man auch, warum. Krachende Dunks mit an Schwerelosigkeit grenzender „Hangtime“, die mindestens so lang ist wie der Landeanflug auf JKF, smoothe Layups, filigran vorbereitet und schließlich mit chirurgischer Präzision über die Fingerspitzen Richtung Korb abgerollt, irr-schnelle Spinmoves, die aussehen wie ein Walzer in vollendeter Perfektion, graziöse Skyhooks, so elegant wie die Pirouetten einer Ballerina, messerscharfe Crossover-Dribblings und „Cuts“ zum Korb, so schnell, dass einem schwindelig wird – und Würfe, die tausendfach, nahtlos und mit Leichtigkeit durch die Reuse fliegen. Es sind Athleten, die eine Bestimmung haben: dieses Spiel zu spielen.

„Du kommst schwarz auf die Welt und bist von Geburt an verdächtig“

Dass Basketball Jazz ist, damit hatte Holger Geschwindner Recht. Spätestens hier erkenne ich, es ist noch mehr: Poesie nämlich. Weil am Wochenende aber so wenig Schwarze in den Central Park gehen, hat man ihnen in dem klitzekleinen Bereich, wo sie sich in überschaubarer Anzahl aufhalten, dem Basketballcourt, gleich eine Polizeistreife zur Seite gestellt. „Under Surveilance“ nennt man das in der Copsprache. Observation. Oder ist es vielleicht sogar Minderheitenschutz? Selbst das sollte nicht ausgeschlossen werden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es ist EINE mögliche Interpretation, „Du kommst schwarz auf die Welt und bist von Geburt an verdächtig“, die andere.

Die pathologische Paranoia, unter der dieses Land leidet,
lässt sich an der Katastrophe des 11. September festmachen.

Die Szene erinnert mich an die „Precogs“ aus Minority Report, die Verbrechen, noch bevor sie auftreten, erkennen und vermeiden. Auf so etwas können nur Amerikaner kommen. Aber, Filme sind auch immer ein Spiegelbild. In diesem Fall zeigen sie die pathologische Paranoia, unter der dieses Land leidet. Sie lässt sich an der Katastrophe des 11. September festmachen. Die Nachwehen dieser Katastrophe wirken noch heute. In Form vom panischer Angst. Die Gegenmaßnahmen: Schutz vor Kriminalität, Verbrechen, Terror und Drogen, Schutz vor Andersartigkeit, Schutz, der teuer erkauft ist, weil er zum Großteil von den Steuergeldern jener bezahlt wird, die noch Geld haben: den Weißen, den reichen Weißen. Was passiert? Getthosierung und Kriminalisierung. Es gibt Gefängnisse, die so voll wie noch nie sind. Millionen sitzen ein. Ihnen steht eine Armada von Beamten und Polizisten gegenüber. Das kostet. Die reichen Weißen haben viel zu verlieren. Stattdessen die Geldmittel für etwas Sinnvolleres auszugeben oder – ACHTUNG! – gar umzuverteilen, neue Konzepte anzudenken, das will man nicht. Fortschritt ist in diesem Bereich nicht erwünscht, der Erhalt der Machtssturkturen dagegen schon, auch wenn man sehenden Auges in den Untergang rennt. Seltsam.

Jeder noch so friedliche, Gras rauchende Althippie wird zu einer potentiellen Bedrohung

Jeder noch so friedliche, Gras rauchende Althippie wird natürlich zu einer potentiellen Bedrohung im Zweifrontenkrieg gegen den Terror und gegen die Drogen. Leidtragende dieser Angst sind die schwarzen, hispanischen und andere „nichtamerikanische“ Bevölkerungsteile wie zum Beispiel die „First Nations“, die Indianer. „Land of the free“? Kann schon sein, aber auch Freiheit kostet selbstverständlich – im Zweifelsfall die Freiheit der Armen, der Latinos, des schwarzen Mannes und jener „Feinde“ außerhalb Amerikas, die hier sowieso niemand so richtig wahrnimmt. Dafür sind die USA und ihre Mega-Cities zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Ob auch die Basketballspieler auf den Courts des Central Parks mit einem Bein im Knast stehen?

Die Bürgerrechtlerin Michelle Alexander zieht in diesem Zusammenhang Parallelen zur Sklaverei in den USA. Die Stigmatisierung von ehemaligen Häftlingen als „Kriminelle“ ist eigentlich nichts Anderes als deren soziale Ausgrenzung. In letzter Konsequenz kommt diese Kriminalisierung, übrigens auch verstärkt durch Bagatelldelikte, dem Verlust der Bürgerrechte gleich. Die wiederum sind in den USA wie in keinem anderen vergleichbaren Land der Welt so sehr an Eigentum und Besitz gebunden. Das hat historische Ursachen. Wer über Eigentum, Besitz, Grund und Kapital verfügt ist mächtig – wirtschaftlich sowieso, aber auch politisch ist der Einfluss enorm. Und er ist frei. Ein Freiheitsverständnis das auf Eigentum aufbaut? Dies Vorstellung war damals Indianern wie Schwarzen so fremd wie den New Yorkern die Müllvermeidung. Aber sie wurden von den Weißen überrannt und – man kann es nicht anders sagen – betrogen: mit List, mit Gewalt, mit Waffen. Seither kontrolliert die weiße Bevölkerung diese Ressourcen der Macht. Hispanos und Schwarze ziehen da den Kürzeren. Es ist klar: Dieses Land hat ein großes Problem. Bis dato köchelt es in den Knästen und Ghettos vor sich hin. Ob auch die Basketballspieler auf den Courts des Central Parks mit einem Bein im Knast stehen? Die Polizei wäre für den Fall der Fälle schon mal da.

Central Park, Basketballcourts

… während sein Kumpel daneben in Schneidersitz-Position und mit geschlossenen Augen die irrwitzigen Beats über seine antennengleich gespitzten Finger in seinem Resonanzzentrum, dem Magen, empfängt und das tut, was er tun muss: meditieren. New York halt.

Wir fahren weiter und nehmen irgendwann auf einer Bank Platz, wo wir einer wirklich krass-guten Jazzband lauschen, legen uns später dort ins Gras, wo die Menschenmassen etwas Grün für uns übrig gelassen haben, das man Wiese nennt, halten nach einem oder zwei Kilometer weiter wieder an, denn ein höllisch-guter Schlagzeuger vollbringt mit geschlossenen Augen und fliegenden Haaren Unmenschliches auf seinem Drum-Kit, erinnert mich mit seinem pfeilschnellen Hi-hat- und Double-Bass Spiel ein bisschen an Neil Peart von Rush oder an Mike Portnoy, Ex-Trommler bei Dream Theater, wenn ich das sagen darf, während sein Kumpel daneben in Schneidersitz-Position und mit geschlossenen Augen die irrwitzigen Beats über seine antennengleich gespitzten Finger in seinem Resonanzzentrum, dem Magen, empfängt und das tut, was er tun muss: meditieren. New York halt.

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