Verkehrs-Tsunamis & -Artisten

 

Rush Hour: New York stirbt – Bike Messenger oft nur fast

Es ist später Nachmittag oder früher Abend, egal. Rush Hour. Zu dieser Zeit stirbt New York. Jeden Tag. An einem Verkehrsinfarkt. Um am nächsten Morgen wieder aufzuerstehen. Es rollen so viele Autos durch die Stadt und man fragt sich, wie viele Blechlawinen New York City noch im Stande ist, in sich aufzunehmen. An Fahren – damit meine ich die zügige Fortbewegung im Stadtverkehr per Auto mit mindestens 40 km/h –  ist während der Rush Hour eh nicht mehr zu denken. Stop and Go, Stau, Stillstand.

Es gibt immer noch Millionen von guten alten V8 Motoren,
die in den Smogmonaten im Winter und Sommer durch NYC blubbern.

Überraschenderweise ist die Luft dafür unerwartet klar an diesen Tagen im April. Die Sonne strahlt und ein wolkenloser blauer Himmel sorgt für Sonnenbrand, mit wir nicht gerechnet haben. Kein Smog, ist die wesentliche Erkenntnis. Das könnte an den zahllosen „Yellow Cabs“ liegen, von denen die meisten Hybrid- oder E-Antrieb haben. Das Bekenntnis zur Umwelt ist ja prinzipiell einmal löblich. Wie es aber hier ist, wenn es noch heißer wird, das kann ich nicht beurteilen, denn es gibt immer noch Millionen von guten alten V8 Motoren, die in den Smogmonaten im Winter und Sommer durch NYC blubbern.

Anarchisten, Punks, Outlaws, Rebellen –
gewissermaßen alles Individualisten in Diensten der Weltwirtschaft.

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Zwischen diesem Verkehrstsunami, der jeden Tag morgens auf Manhattan zurollt und abends wieder abdampft, turnen dann auch noch die „Bike Messenger“ herum – die Fahrradkuriere. Sie sind wahre Artisten auf zwei Rädern und vollbringen atemberaubende bis halsbrecherisch Fahrmanöver, wenn sie bei Rot noch gerade so über Kreuzungen huschen oder zwischen den Autoreihen durchflitzen. Dabei geht es nicht einfach nur darum, irgendwelche Sachen möglichst schnell von A nach B zu bringen. Das wird klar, wenn man die Typen sieht. Anarchisten, Punks, Outlaws, Rebellen – gewissermaßen alles Individualisten. Insofern ist dieser Job auch so etwas wie eine Haltung, ein Lebensgefühl, ein Statement. Und ein Mythos. Vermutlich deshalb, weil Fahrradkurier sein kreuzgefährlich ist. Denn ein bisschen sind die “Messenger” alle auch potentielle Selbstmörder. Aber in Diensten der Weltwirtschaft. Verkehrssicherheit? Verkehrsregeln? Drauf gepfiffen? Sie fahren gegen Einbahnstraßen, auf Gehwegen, kreuz und quer und querfeldfeldein sozusagen.

Die Fahrräder sind Ausdruck ihres Egos. Minimalistisch, rau, hart. Die Single-Speed-Bikes besitzen keine Schaltung, keinen Leerlauf, keine Lichter oder Schutzbleche und erstrecht keine Bremsen. Sie reduzieren sich auf das Wesentliche: schnell fahren. Der ganze Firlefanz bedeutet Gewicht. Und Gewicht bedeutet Geschwindigkeitsverlust. Und das ist kontraproduktiv. Am kontraproduktivsten ist es aber, wenn sie in sich plötzlich öffnende Autotüren crashen oder einfach umgefahren werden. Das es dich jederzeit erwischen kann, bestreiten sie nicht. Aber der Adrenalin-Kick, zwischen den Autoschlangen hindurchzurasen, die Schnellsten dieser Stadt zu sein, SUVs, Ferraris, Porsches oder Lambos zu schlagen, wenn es darum geht, schnellst möglich von einem an den anderen Ort zu gelangen, ist unbezahlbar.

Es gibt nur eine Richtung: vorwärts. Und das schnell.
Denn im nächsten Augenblick schon kann alles vorbei sein.

Man kann es ihnen von der Nasenspitze ablesen: Die Bike Messenger nehmen jede Herausforderung an und setzten dabei nicht selten ihr Leben aufs Spiel. So viel Heldentum, das schweißt zusammen. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft. Ihr Zusammenhalt ist so stark wie die Haftkraft von Sekundenkleber. Für Außenstehende, die nach einer Rechtfertigung für den waghalsigen Job suchen, ein schwaches Argument. Wer den Fahrradkurieren aber ins Gesicht schaut, sieht: verdammt coole Typen, die wissen, die Gefahr fährt mit. Na und? Sie leben im Hier und Jetzt. Es gibt nur eine Richtung: vorwärts. Und das schnell. Denn im nächsten Augenblick schon kann alles vorbei sein. Und damit passen sie zu New York wie niemand sonst.

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