Zeugungsakt der Einsteins

 

MOMA / Guggenheim:
Tomatensaucendosenwand, Seerosenteich und „Mr. & Mrs. Einstein after the conception of their son, the genius Albert“

New York hat endlos viel zu bieten. Wir verfolgen einen Plan, wollen nicht zu viel unternehmen, denn wir wissen, abends sind wir platt. Wir nehmen uns vor, Pausen einzulegen, zu verweilen und, wenn das überhaupt möglich ist, den Moment, unseren Moment, unsere ganz persönliche Nische New Yorks zu genießen. Wir wissen längst, der Versuch ist gescheitert. Die Füße schmerzen.

Hier ein Pinselstrich, dort eine Perspektive, deshalb da die Farbe und da drüben ein Vorläufer des Kubismus und wieso, warum und weshalb er das ist. Ich find‘ das geil.

Was ist Kunst? Nachdenken auf dem MoMA-Klo.
Was ist Kunst? Nachdenken auf dem MoMA-Klo.

Auch im MOMA jagt ein historisches Großereignis von Kunst das nächste. Ein Höhepunkt dieser Kunstschau ist noch grandioser, noch toller, noch spektakulärer als der andere. Und davon gibt es unzählig viele im MOMA. Picasso, Monet, Dali, Cezanne, Klee, Miro … das und mehr, es ist zu viel für uns und dennoch ziehen wir uns alles rein, was irgendwie an der Wand hängt oder an bizarren Installationen im Raum einfach so daliegt, als wäre es ein Haufen wertloser Schrott. Ist es aber nicht. Und das ist anstrengend. Denn man muss das alles ja auch irgendwie verstehen. Darüber denke ich nach. U. a. auf dem MoMA-Klo. Was ist Kunst, frage ich mich. Dabei starre ich auf die WC-Tür. Nach längerem Hinsehen kann ich sagen, sie hat was. Sie glänzt so schön. Als Kunst-Novizen, die wir nun mal sind, forschen wir nach den Merkmalen, die Kunst von herausragender Kunst unterscheidet. Dabei helfen uns die kompetenten Kuratoren aus dem Audio-Guide. Danach wird klar: Die Klotür ist es sicher nicht. Dafür aber hier ein Pinselstrich, dort eine Perspektive, deshalb da die Farbe und da drüben ein Vorläufer des Kubismus und wieso, warum und weshalb er das ist. Ich find‘ das geil. Und mal ehrlich: „Der Seerosenteich“ von Monet, das hat schon was, die „Tomatensaucendosenwand“ von Warhol aber auch!

Ton –  ein Material, dass üblicherweise in der Grundschule bearbeitet wird,
wo achtjährige Knirpse daraus meistens Aschenbecher kneten,
die dann an die Väter und Mütter der Nikotin-Generation verschenkt werden.

Das Guggenheim Museum fasziniert vor allem durch seine Architektur – erst später mich auch mit seiner Ausstellung. Denn die Künstler Fischli und Weiß präsentieren im Guggenheim neben ihrer Videokunst, die u. a. verschiedene Kettenreaktionen zeigt, eine Werkreihe, die fiktive Alltagsszenen berühmter Persönlichkeiten thematisiert. Und das in Ton –  richtig, jenem Material, dass üblicherweise in der Grundschule bearbeitet wird, wo achtjährige Knirpse daraus meistens Aschenbecher geknetet haben, die dann an die Väter und Mütter der damaligen Nikotin-Generation verschenkt wurden. Die Absicht war so klar wie der Auftrag pädagogisch: Gutes tun, darüber reden und dafür sorgen, dass der rauchende Nachwuchs auf diese Art und Weise spielerisch an die Droge Nikotin herangeführt wurde, denn da hingen ja im besonderen Arbeitsplätze dran und im Allgemeinen unser Wohlstand, der ja damals auch, wie alles andere Gute, aus Amerika kam. In diesem Fall, also bei Fischli und Weiss, kommt das Gute aus der Schweiz und zwar in Form von Ton-Kunst, die das Sendungsbewusstsein des Aschenbecherstadiums weit überschritten hat.

„Mr. and Mrs. Einstein after the conception of their son, the genius Albert“

Conception of a genius

„Mr. and Mrs. Einstein shortly after the conception of their son, the genius Albert“ heißt etwa ein Werk, bei dem man sich fragt, wie man denn diesen Titel – in welche Kunst auch immer – transformieren könnte. Und dann das: Ton. Kleingeistige Kunstkenner, deren Horizont eben geradeso bis zur tönernen Romantik reicht, die aber konsequent behaupten zu wissen, was Kunst nicht ist, könnten diesbezüglich Fischlis und Weiss‘ Ton-Werke als Beweis anführen, die z. B. eben Mr. und Mrs. Einstein im Ehebett zeigen, schlafend, nach Albert‘s Zeugung. Und? Wohlweislich entfaltet dieses Werk erst durch das Zusammenspiel verschiedener Darstellungsebenen seine eigentliche Pointe. Und die sorgt schließlich dafür, dem Betrachter ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das Überraschungsmoment nährt sich dabei aus den gesichtslosen Figuren, der Alltagsszene zweier schlafender Menschen, dem Material selbst und dem Titel der in Ton dargestellten Szene. Diese Kombination konstruiert die Frage, wie bitte die Künstler auf die Idee kamen, ausgerechnet Herrn und Frau Einstein damit zu meinen und warum sie Ton als Medium gewählt haben. Ich finde darauf keine Antwort, außer: Das könnte jeder sein. Nur wäre es dann witzig, wäre es dann Kunst? Ich weiß lediglich: Kunst, die unterhält, ist gute Kunst. Und es ist eben die Idee, der Witz und die materielle Transformation dessen in ein Endergebnis, das aus Alltäglichem ein Kunstwerk macht. Darin sind Fischli und Weiss wahre Meister. Und das zeigen sie im Guggenheim. In Videos, Fotos und eben in Ton.

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