Von W-Burg über Times Squ. zu Victoria’s Secret

 

Was hat Williamsburg mit dem Times Square und Victoria’s Secret zu tun?

Der totale Kontrast zu Manhattan? Williamsburg. Das Viertel in Brooklyn strotzt nur so vor Kreativität. Erfreulich ist auch: Hier gibt es keine Hochhäuser. Wir fahren mit dem L-Train nach Brooklyn bis zur Bedford Ave. Sie ist das Herz von Williamsburg. Hier befinden sich allerhand Geschäfte, Kneipen und reichlich alternative Szene. Heraussticht dabei die „mini mall“ in der sich eine Ansammlung verschiedenster Geschäfte zusammengefunden hat, die allerlei Kurioses bieten. Klamottem oder Schmuck zum Beispiel, aber auch eine Buchhandlung, in die man sich zum Schmökern zurückziehen kann, und im Candy-Shop warten allerlei Süßigkeiten auf die Zuckersüchtigen. Überall in der „mini mall“ sind chillige Sitzplätze zu finden, wo man sich niederlassen kann, um die Atmosphäre aufzusaugen, die letzten Neuigkeiten per kostenlosem Wify in die Heimat zu schicken oder seinen To-go-Kaffee in Ruhe zu schlürfen.

Wir lassen das Brooklyner Stadtleben an uns vorbeiziehen,
während vor uns eine Flimcrew ihr Equipment zusammenpackt.

Wir laufen die Bedford Ave. runter, entdecken einen saucoolen Bikeshop, der ultimative Messenger Bikes von Linus und Jamis verkauft und ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, mir ein solches einfach zu holen. Aber es bleibt beim ernsthaften Gedanken. Wir kommen zur Williamsburg Bridge, laufen hinauf bis zur Hälfte und genießen den Ausblick auf Manhattan und landen irgendwann vor dem berühmten Steakhouse von Peter Luger. Hier soll es die besten Steaks der Welt geben. Die sind in Schimmel „eingelegt“ und deshalb besonders fein, lesen wir. Die Gäste mögen das sehr, heißt es, wir haben aber leider keine Chance das zu überprüfen. Alles ist auf Monate ausgebucht. Wer nicht rechtzeitig reserviert, muss draußen bleiben. Egal. Wir nehmen auf der Treppe – wo sonst – der Weylin B. Seymour’s Hall Platz und beobachten, wer da so alles zu Peter Luger geht, und lassen das Brooklyner Stadtleben an uns vorbeiziehen, während vor uns eine Flimcrew ihr Equipment zusammenpackt. Ein Hollywood-Film? Ungefähr so Pi mal Daumen in einem Jahr werden wir das Ergebnis und die Szene aus Brooklyn wahrscheinlich im Kino sehen.

Alles geht eine Spur langsamer, alles etwas cooler, gechillter. Wir atmen durch. Das tut gut.

In Williamsburg ist alles so normal. Kein Haus ist höher als fünf Stockwerke. Alles geht eine Spur langsamer, alles etwas cooler, gechillter. Wir atmen durch. Das tut gut. Das Viertel ist ein bisschen wie Notting Hill in London. Die Straßen erinnern an die Portobello Road. Gut, Greenwich, Chelsea oder Soho, diese Viertel in Manhattan kommen dem britischen Stil zwar auch sehr nahe, wenn sich nicht hinter jeder Ecke ein Hochhauswald auftun würde, der sich irgendwo in den Himmel streckt und alles so verdunkelt. Das stört und wirkt irgendwie so bedrohlich, so einengend.

Die gute, alte Telekom hat sich aufgemacht, die USA zu erobern.
Und wo fängt man damit am besten an? In New York City natürlich.

Auch deshalb hat man wahrscheinlich den Times Square zum Leben erweckt, d. h. ihn dermaßen mit Lichtreklame vollgepackt, dass hier die Nacht in taghellem Licht erstrahlt und Tage noch heller werden. Strom? Energie? Sparen? So ein Blödsinn. In etwa so müssen sich das auch die Inhaber der Gebäude denken, von denen die Reklame erstrahlt. Oft und sehr gerne tut sie das in magenta, denn die gute, alte Telekom hat sich aufgemacht, die USA zu erobern. Und wo fängt man damit am besten an? In New York City natürlich. Weil: „If you can make it there, you’ll make it anywhere ….”, na ja, das kennt man ja. Nur bei der Telekom-CI, die in der Farbgebung halt auf magenta setzt, also pink, bin ich mir nicht ganz sicher, ob die hier so funktioniert. Denn pink, das geht in den USA eigentlich gar nicht.

Times Square, New York City

Der Victoria’s Secret Laden ist voll mit hysterischen Teenie-Mädels, die kurz vor der Ohnmacht stehen.

Neuer, größer und double-hip

Außer im Victoria’s Secret Flagship Store nebenan, wo ich auch rein musste, weil eben meine Freundin da mal rein wollte. „Nur mal schauen.“ Ich kann sagen: Ich kam mir sehr alt vor. Und ein bisschen wie ein … Spanner? Bei so viel Damenunterwäsche, die mich entweder von den natürlich rosanen Wäscheauslagen in echt oder von selbstverständlich leicht bekleideten Damen auf übergroßen Postern von oben herab bedrohten, blieb mir nichts anders übrig als mir einen Warteplatz zu suchen, der sich am Rand versteckt, weit weg vom eigentlichen ebenso rosanen Point-of-Sale: zum Beispiel unter der Rolltreppe. Aber das ist noch nicht alles. Es geht noch größer! Deshalb eröffnet das Reizwäsche-Label für gerade mal so Nicht-mehr-Minderjährige auf der Fifth Ave. gleich noch einen tolleren Flasgship Store – den Super Flagship-Store. Das überrascht mich keineswegs, ich stehe aber dennoch wie vom Donner gerührt davor, denn das war für mich jetzt in meiner Welt nicht unbedingt so zu erwarten.

Parfum, das stinkt wie ein Klostein, den man zum Zweck der Wiederbelebung unter die Nase hält.

Jedenfalls: Etwas übel ist mir dann auch noch geworden, denn da drin – also im alten, langweiligen, wahrscheinlich gerade mal einem Jahr jungen Geschäft – stinkt es so penetrant nach süßem Mädelsparfum, dass man meinen könnte, jemand hält einem zum Zweck der Wiederbelebung einen Klostein unter die Nase. Sorry. Aber, das Marketing funktioniert. Der Laden ist voll mit hysterischen Teenie-Mädels, die kurz vor der Ohnmacht stehen. „Nix für mich“, meint meine Freundin und wir sind Gott sei Dank schnell wieder raus aus diesem präadoleszenten Konsumtempel.

Times Square, New York City

Da lob ich mir einen bei Nacht in telekom-pink erleuchteten Times Square! Das kostet wahrscheinlich Millionen von Dollar, stinkt aber nicht so fürchterlich, auch wenn es eine hochprozentige Energieverschwendung ist, nicht allzu weit weg vom Größenwahn einer auf erholsame null Grad heruntergekühlten Skihalle im 45 Grad heißen Wüstenstaat Dubai – oder Quatar, oder was weiß ich sonst für ein Emirat am Persischen Golf ….

Frühstück in Pappe, Plastik und Papier

Frühstück in Pappe, Plastik und Papier

Die Verschwendung kennt auch bei der zweit wichtigsten Tätigkeit der New Yorker nach dem Geld verdienen kein Ende: dem Essen. Das tut man immer im Gehen, oder schnell zwischendurch. Selbst, wenn man in ein Frühstücks-Cafe geht, dort Platz nimmt und bestellt, wird das Frühstück in Pappe, Plastik und Papier serviert. Man sitzt dann zwar, erhält aber trotzdem alles im To-go-Modus. Für den Fall der Fälle. Die Konsequenz: Müll. Ich weiß nicht wie viel und will es auch gar nicht wissen. Es müssen aber Trilliarden von Tonnen sein, die da jeden Tag zusammenkommen. Wer in New York auf der Suche nach Porzellan oder Keramik-Geschirr ist und seinen Kaffee vielleicht mal in einer ganz gewöhnlichen Tasse serviert bekommen möchte, der ist in hier so falsch wie Linksverkehr in England. Fündig wird er allerhöchstens in einem Restaurant. Wobei, da bin ich mir jetzt nicht ganz so sicher. Wieder nach Hause zu fahren und zu sagen, das ist nicht mein Problem, wäre ignorant. Denn es ist mein Problem. Die Umweltbelastung ist so enorm, dass man auch als nicht-politischer Mensch beinahe die Contenance verliert. Die Auswirkungen sind global und deshalb ein Problem der gesamten Weltbevölkerung, lieber New Yorker, liebe Amerikaner, auch wenn ihr die ja, wie wir wissen, nicht so richtig wahrnehmt auf eurem fernen Planeten.

Müllproblem?

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